Venedig 16 – Tag 14: Für Postkarten braucht man Briefmarken

Venedig 16 – Tag 14: Für Postkarten braucht man Briefmarken

Donnerstag, 13.10.2016
Wetter: sonnig, ca. 16 °C

In mittlerer Frühe sind Mama, Papa und ich mit dem Vaporetto nach Gardini gefahren, von dort aus dann zu Fuß weiter auf der Suche nach ein paar Kirchen, die wir noch nicht angeschaut hatten. Vorbei am Biennale-Gelände führt uns unser Weg zum Arsenale. Das Wetter ist heute Morgen gerade eben noch sonnig mit mäßigem Wind, allerdings ist es in den letzten Tagen echt kühl geworden. Der Eingang des Arsenals mit seinen wunderschönen Türmen und Löwen wird eine Weile angeguckt, dann die Kirche im Gässchen direkt daneben. Weiter geht es durch winklige Gassen, bis wir bei der griechisch-orthodoxen Kirche sind. Hier erwartet einen hinter einer recht normal aussehenden Fassade mal wieder eine Überraschung. Im Altarraum erstreckt sich der Lettner von Boden bis Decke, ganz bedeckt mit Bildern auf Goldgrund, dazu der Geruch von Weihrauch. Regelrecht atemberaubend. Der Stil ist so anders als die restliche Kunst, die wir die letzten Tage gesehen haben, dass die Augen erst einmal eine Runde zu arbeiten haben. Hinter dem goldenen Lettner sind die Gewölbe und Wände mit Goldmosaiken verziert, auch vor dem Altarraum sind Goldmosaike an beiden Seiten und im Gewölbeabschluss. Ein Hauch Orient huscht einem die Wirbelsäule herunter. Wir bleiben eine ganze Weile und studieren die verschiedenen Darstellungen.

Mit frischen Eindrücken in unseren Köpfen machen wir uns auf, um das eine wirklich Wichtige im Urlaub zu tun: Briefmarken erstehen. Es werden zwar an jeder Ecke und Bude, jedem Stand, Ständlein, Café und allen sonstigen Verkaufsorten attraktive Postkarten verkauft, aber das mit den Briefmarken ist nicht ganz so einfach. Briefmarken gibt es im Postamt und auch nur im Postamt – ich meine: Wer will in der modernen Zeit auch noch Postkarten verschicken?! Die Karten, die man überall kaufen kann, sind wahrscheinlich nur noch Restbestände, die als Deko ausgestellt werden und um Lücken in den Verkaufsdisplays mit scheinbar sinnvoller Ware zu füllen. Ich stelle mir vor, dass die Verkäufer abends ihren Kollegen über ein Glas Spritz in der Eckkneipe über die Volltrottel erzählen, die Postkarten gekauft haben…

Das Postamt ist hinter dem San-Marco-Platz und hat durchaus akzeptable Öffnungszeiten, nur sind die leider immer nicht dann, wenn man gerade vor der Tür steht. Heute war das Postamt, diese altehrwürdige Institution, geöffnet und wir stehen davor. Liebevoll modernisiert ist der Laden. Es gibt viele Schalter, etwas Sortiment an Dingen die man für den Postversand benötigt, und eine Warteecke. Diese Warteecke ist nicht nur Deko, hier kampieren dann die Kunden, die am Vortag schon angestanden haben, aber leider nicht bedient werden konnten. Denn nur genau einer der Schalter ist wirklich für die Sachverhalte bestimmt, die sich um den Versand von Post drehen, der Rest ist Postbank. Sollte einen die Schlange und die schiere Wartezeit nicht schon von der schwachsinnigen Idee abbringen, tote und zu Papier gehächselte Bäume in eine Metallbox zu werfen – damit sie dann auf unabsehbare Zeit liebevoll von den verschiedensten Postbeamten von hier nach dort getragen werden – so helfen dann die Preise nach: Postkarte Europa 1,20 €, Welt 2,10 €. (Von den Preisen für Pakete will ich gar nicht sprechen, damit der werte Leser meinen Blog auch weiterlesen kann und nicht in Ohnmacht fällt.) Nach einer bürokratischen Ewigkeit kommt Papa, etwas ärmer, vielleicht etwas blass aber siegesbewusst, mit der kostbaren Ware aus dem Postamt. Wollen wir nur hoffen, dass wir uns bei den Karten nicht verzählt haben, denn noch einmal können wir das Papa nicht antun, ohne seine Gesundheit zu gefährden!

Nach diesem Erlebnis geht es in Richtung Villa Goldoni – wir sind mal wieder unsicher, ob Vaporetto fahren oder gehen schneller und interessanter ist. Vaporetto gewinnt, aber der Glauben an Team Gehen ist in mir noch nicht geschrumpft. Ich sitze neben einem amerikanischen Seniorenehepaar. Der Ehemann erklärt, dass dies die langsame Verbindung ist, die an jeder Haltestelle hält. Die Frau merkt irgendwann an: „Ich weiß gar nicht, warum dieses Ding überhaupt einen Motor hat, man könnte sich genauso schnell treiben lassen!“ Sie hat meine Gedanken gut in Worte gefasst. Nun, zum Schutz der Fundamente und um den dichten Verkehr auf dem Canal Grande sicher zu halten, macht das bestimmt Sinn. Sinn ist jedoch langweiliger als pointierte Frötzeleien… Wäre dem nicht so, würden wahrscheinlich bei vielen Themen schneller Lösungen gefunden werden.

Bei San Toma geht es runter von dem sanften Ungetüm und rein in die engen Straßen und schon sind wir an der Villa Goldoni. Sarah und Esther sind noch auf dem Weg dorthin, wir gehen schon mal rein. In der Eingangshalle lesen wir über Goldoni und das Haus. Diese Villen mit Wasserzugang und Freilicht-Innenhof mit schicker Außentreppe ins Piano Nobile haben etwas. Wenn man hier unten im Innenhof der Villa Goldoni sitzt, hat man das Gefühl, jederzeit könnte Marco Polo im Kanal festmachen und Händler mit Ballen und Kisten wertvoller Ware würden geschäftig durch den Hof eilen. Nach der Geschichtsstunde geht es die schöne Außentreppe hoch und kaum oben angekommen, sind auch Sarah und Esther da. Wir gucken die Ausstellung an und machen uns dann wieder gemeinsam auf die Socken.

Es geht zur Ca‘ Rezzonico. Aber erst finden wir uns noch einen Supermarkt direkt in der Nähe und kaufen Cola und super leckere Pampelmusen-Limonade. Auf dem Weg ins Museum fängt es dann an leicht zu nieseln. Es gibt hier zwei fürstlich eingerichtete und künstlerisch gestaltete Stockwerke zu bestaunen und im oberen Stockwerk eine beachtliche Gemäldesammlung. Highlight ist für mich das Schlafzimmer: Wie ein großer Holzschrank wurde ein Bett mit Umbauung und Preziosen-Schrank daneben und dahinterliegend ein Ankleide- und Rückzugszimmer in einen größeren Saal eingebaut. Die Details erinnere ich nicht mehr, aber hierher konnte sich die Dame des Hauses vom Adelsleben zurückziehen und in der Sicherheit ihrer Schlafräume Mensch sein. Genau dieses Gefühl kommt auch in mir auf, wenn ich in dem kleinen, wunderschön dekorierten Salönchen hinter der Raumteiler-Wand stehe.

In einem anderen Saal ist die Zusammenstellung von Bildern des Malers Longhi wirklich sehenswert, der nicht Themen oder Analogien gemalt hat, sondern das tatsächliche Leben der Zeit, ganz ohne Hintergedanken. Völlig untypisch damals. Ich husche noch schnell durch die große Gemäldesammlung oben. An einige Bilder erinnere ich mich noch vom letzten Besuch. Und dann ist leider schon Feierabend. Ich fühle mich wie ein gnädiger Gott, dass ich schon einige Minuten vor Schließung an der Garderobe bin. Die Frau hinter dem Tresen, die uns schon beim Ankommen unbegeistert bedient hatte, erblickt mich, kramt unsere Plünnen aus dem Fach, schmeißt die von mir produzierte Gepäckmarke an ihren Platz, greift ihre Tasche und eilt von dannen, als sei sie auf der Flucht vor einem Bienenschwarm, unter wiederholter Ausstoßung genervter Töne. Ich habe noch nie jemanden so schnell in den Feierabend fliehen sehen – 3 Minuten vor der eigentlichen Schließung.

Auch uns ist mehr nach Eile zumute, als wir uns vor der Tür mit echtem Regen konfrontiert sehen – wir hatten ja bislang die ganze Zeit trotz schlechter Wetterberichte immer super Wetter gehabt. Bleibt nur der Plan, direkt von Accademia nach Hause zu fahren. Der Regen ist zum Glück nicht so schlimm und bei Accademia legt gerade unser Boot an. Timing! Vom Vaporetto aus bestaunen wir die blaue Lichtstimmung.

In Lido angekommen, regnet es nun richtig. So steigen wir ausnahmsweise in den wartenden Bus, der uns fast bis vor die Haustür fährt. Alle wirken mit an der Erstellung von Spagetti mit roter Soße, was dann bei einer Folge Miss Fisher verspiesen wird.

Danach arbeite ich noch eine gute Stunde für die Firma. Nun ist auch der Blog geschrieben und das Bett ruft… laut… Nacht allerseits!

Venedig 16 – Tag 13: Wenn die Sonne scheint, geht man ungern rein
Venedig 16 – Tag 15: Wenn es regnet, geht man ins Museum

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