Venedig – Tag 10: Palazzi

Venedig – Tag 10: Palazzi

Sonntag, 18°C zunehmend diesig

Der morgen ist früh und die Kochs fast aus dem Haus. Über der Stadt liegt ein leichter Dunst. Dieser Dunst wurde über den Tag immer greifbarer, bis dann auf der Rückfahrt das Licht im Dunst eine geradezu ölige Qualität hatte.

Aber von vorne. Heute Morgen Boot und dann vorbei am Marathon. Nix Spannendes zu sehen. Vielleicht das Spannendste: Über den Canal Grande wurde eine temporäre schwimmende Brücke gebaut. Während wir da langfahren, kommen aber keine Läufer…

Erster Haltepuunkt ist die Ca‘ Rezzonico, ein prächtiger Palazzo. Die erste Etage sind die Repräsentationsräume – hier ist die Devise: In allen vier Ecken, den Flächen, den Rundungen und den Decken muss Kunsthandwerk drin stecken. Alles ist aufs Exquisiteste ausgestaltet. Gewaltige Murano-Glas-Leuchter baumeln von der Decke, die Armlehnen der Stühle sind geschnitzt, die Wände hängen voller Bilder, die Decken auch. Eine Reise wert!

Die Etage darüber sind die Wohnräume. An den Wänden wieder Gemälde, mehr so durchschnittliche. Besonders gefällt mir ein Schlafzimmer. Bett in der Mitte, rechts ein Alkoven mit einem Aufbewahrungsschrank für die Toilettesachen, links und dahinter ein begehbarer Schrank und ein kleines Privatzimmer. Ich stelle mir vor, dass im hektischen Leben der Adeligen so ein verstecktes Zimmer eine herrliche Sache war.

Die Diener- und Nutzraumetage darüber beheimatet noch mehr Gemälde – eine Sammlung venezianischer Kunst bekannter und unbekannter Künstler, die ein Restaurateur gesammelt und wiederhergestellt hat, als die Kunst des 17. und 18. Jdh. nicht hoch im Kurs standen und jetzt einen interessanten Einblick in diese Epochen gibt. Einmal durch und dann nochmal die erste Etage angucken. Hier oben ist an jedem Fenster eine breite Treppe mit zwei Stufen angebracht, sodass man hinter die dicken Vorhänge lugen kann und Venedig von oben sehen – man fühlt sich so wohl, wenn kein Verbotsschild aufgehängt wird, sondern einem sogar eine Treppe gebaut wird. Nach und nach treffen wir uns alle im Garten hinter dem Palazzo, picknicken und liegen etwas in der Sonne. Ich gehe eine kleine Runde durch die Nachbarschaft.

Dann geht es wieder auf ein Boot, nächste Station die Villa Moncenigo. Hier wird nur eine Etage gezeigt – Thema der Ausstellung ist Gewänder und Parfüm. Parfüm war ein höchst wichtiger Innovations- und Wirtschaftszweig Venedigs, für ganz Europa. Die Räume sind wieder prächtigst ausgestattet. Hier und da stehen Mannequin-Puppen in den Räumen mit zeittypischen Kleidungsstücken. Das sollte man öfter in Museen haben. So kommen die Räume mehr zum Leben.

Von dort aus ging es noch in die Ca‘ Pesaro. Hier wird Kunst wieder gestaffelt nach Abstrusität gezeigt. Viele Werke kommen aus einer Sammlung der Stadt Venedig, die jede Biennale die beliebtesten Werke kauft. Die Sammlung ist thematisch sortiert. Besonders die Bilder italienischer Maler kurz vor und zur Zeit der Impressionisten gefallen mir sehr gut. Dann wird es etwas besonderer (eine tiefgefrorene Leiter mit einer Lampe oben drauf), bis man schließlich eine Etage höher geht und dort die neueren Werke bestaunen kann, wie ein Bild aus unsinnig großen Tupfern („Selbstbildnis“) oder ein Bild, bestehend aus zwei Streifen, oder ein gelochter durchsichtiger Vorhang… da braucht man schon beide Hände, um gaaaaanz langsam zu klatschen! Wenigstens der Ausblick auf den Canal Grande ist toll. Oben im Haus eine Asiensammlung – ausgestellt werden Gegenstände aus Japan. Viele Schwerter und Lanzen, aber auch besonderes Glas, Bilder und Kleinkunst. Die Räume atmen die Luft vergangener Zeiten, als Bildung noch streng war, Tiere im Zoo in Käfigen gehalten wurden und alles in dunklen Holzvitrinen sortiert wurde.

Den Abschluss des Tages hat ein Konzert in der Kirche San Stea gemacht. Die Ankündigung dazu haben wir am Nachmittag durch Zufall gesehen. In drei Teilen wurden mittelalterliche liturgische Musikstücke aus Venedig vorgetragen. Erst hat ein Männerchor gesungen – das war richtig toll. Dann haben zwei Männer Dudelsack gespielt, ab und zu auch Flöte – klingt etwas strange, aber war besonders. Dudelsäcke sind wirklich erstaunlich laut und können so eine mittelgroße Kirche sehr gut füllen. Als Letztes hat ein Quartett zu Orgelmusik gesungen, die Sänger hatten hervorragende Stimmen. Besonders Papa, der nicht so ein Kulturbanause ist, hat das Konzert sehr genossen.

Es waren heute zwar nur vier Stationen, aber es gab viel zu sehen und es ist spät, also ab nach Hause.

Der Dunst ist dichter geworden – nein, es ist noch kein Nebel – aber im Gegenlicht der Laternen nimmt der Dunst ölige Qualitäten an. Wir schippern durch das ölige Licht den Canal Grande entlang, über uns taucht der Fast-Vollmond die sonst so dunkle Stadt in bläuliches Halblicht. Es ist schön.

Papa und Ilan noch kurz einkaufen – so langsam kennt man alle im Geschäft, besonders der Wachmann (ein älterer Herr mit einem sehr freundlichem Gesicht) sagt uns fröhlich Hallo –  ein wenig Bizeps-Training auf dem Rückweg mit den schweren Tüten, und nach Kochen und Fotos Nachbearbeiten und Blog ist Bubu angesagt.

Venedig – Tag 9: San Marco und Strand
Venedig – Tag 11: Murano, die Glasinsel

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