Venedig – Tag 5: Burano und Torchello mit viel Sonne

Venedig – Tag 5: Burano und Torchello mit viel Sonne

Dienstag, 20 °C strahlender Sonnenschein

Heute war ein epischer Tag!

Früh sind wir aus dem Haus gestürzt und direkt auf ein Boot. Es soll nach Burano gehen. Eine Insel in der Nähe, wo über viele Jahrhunderte lang die beste Spitze her kam. Die Bootsfahrt war schon ein Erlebnis für sich. Die Sicht ziemlich klar, konnte man sich die Alpen im Hintergrund auftürmen sehen. Und dahinter die schneebedeckten höheren Dimensionen! In meiner Vorstellung waren die niiemals so nah! Es sind nur so ca. 70 km bis zu den Alpen.

Also bei Sonnenschein schippern wir mit maximal 34 km/h für gut 40 Minuten mit fantastischen Ausblicken vor uns hin, als links ein schiefer Kirchturm auftaucht, größer wird und sich dann kleine bunte Häuser zu ihm gesellen. Auf der rechten Seite des Schiffs sieht man Torcello, der Siedlungsplatz, an dem Venedig vor1400 Jahren mal angefangen hat – es sind nur noch zwei großartige Kirchen und ein paar Häuser übrig.

Erste Station Burano. Es ist geradezu überwältigend, wie sauber und gepflegt die meisten Häuser sind, und dann knall-bunt mit dunkelblauem Himmel. Meine Fotos sehen so aus, als hätte ich beim Nachbearbeiten zu doll an den Reglern gespielt, aber es sah genauso aus. Es ist selten, dass man so etwas komplett Neues und Unbekanntes erlebt. Einfach nur süß, wie sich die winzigen bunten Häuser auf dieser Insel festgesetzt haben. Direkt zu Anfang gehen wir in ein tolles Geschäft, das ausschließlich die einheimische weltberühmte Burano-Spitze verkauft. Am Eingang sitzt eine sehr alte Dame und arbeitet an Spitze. Jede Person hat sich auf nur eine Knotenart spezialisiert. Das Werkstück wird dann weitergereicht und die nächste Knotenart wird von einer anderen Person gemacht. So geht das immer weiter, bis zu sieben Burano-Knotenarten in demselben Stück. Was für eine Arbeit! Für mich ist der Aufwand das Einzige, was Spitze schön macht. Wäre es irgendein Fabrikat, fände ich es rupfig und irgendwie meeh. Mittlerweise gibt es nur noch wenige, vorwiegend alte Damen, die überhaupt noch Spitze mit der Hand fertigen können. War aber mal ein riesen Ding mit vielen Tausend Arbeiterinnen hier. Die Reichen und Schönen aus ganz Europa haben das geordert…

Wir schleichen staunend zur Chiesa di San Martino und gucken uns um. In einem Seitenschiff Maria, vor ihr ganz viele Kerzen angezündet, ihr gegenüber Josepf mit gerade einmal vier. Den Beliebtheitswettbewerb hat er wohl verloren… Vor der Tür Touristen-Zeug-Verkäufer mit Ständen (fast schon biblisch). Da die Sonne eher tief steht, aber noch sehr hell ist, finden Sarah und ich uns Schirmmützen an genauso einem Stand. Jetzt sehen wir ordentlich Gangster aus.

Von dort aus das Ufer der Insel entlang. Eine kleine Runde auf der Kaimauer picknicken und dann ein wenig in der Sonne liegen. Eine Horde britischer Schülerinnen und ihre Betreuer kommen, um zu malen und zu fotografieren, aber sie dürfen nicht ihre Füße von der Kaimauer baumeln lassen wie wir – ich denke, die Gutes-Vorbild-sein-Quote haben wir für den Tag erfüllt, vielleicht auch für den ganzen Monat.

Dann noch weiter zwischen den Häusern und ab ins Spitze-Museum. So winzig wie die Wohnhäuser ist auch das Museum. Es werden verschiedenste Spitze-Arten gezeigt. Im Hintergrund spielt hektischste Violienenmusik von Vivaldi. Der Puls steigt und Sarah und ich werden unruhig. Papa kommt im letzten Raum an, es bricht aus ihm hervor „Mann! Was für eine vergeudete Lebenszeit“ (die mit dem Knoten von Spitze drauf geht). Später nach Erklärungen von Mama ist er allerdings durchaus von der Kunst überzeugt – Kunst ist eben immer etwas für diejenigen, die dafür bezahlen, und das bedeutet Arbeitsplätze. Vielleicht sind die Stunden bei facebook & Co. ja gar nicht einmal sinnvoller verbracht, nur mit dem Unterschied, dass Facebookler und –booklerinnen nicht vor der Notwendigkeit stehen, sich mit irgendeiner Beschäftigung etwas zu Essen zu verdienen… Und diese Spitze hier ist tatsächlich echte Kunst – manche so fein und leicht wie Schnee oder Nebel, andere beeindruckt durch 3-D. Echt beeindruckend, was man mit dünnsten Fäden aufbauen kann, ganz ohne Trägerstoff!

Sarah und ich gehen, während die anderen noch im Museum sind, lieber durch die sonnenbeschienene Stadt. Hier ein Gässchen, da ein Kanal, überall hängt Wäsche. Es ist wie eingangs gesagt: magisch.

Wieder zusammen, gehen wir in Richtung Bootsanleger. Ein Katzensprung ist es rüber nach Torcello. Dort geht man erst an dem einzigen noch gepflegten Kanal ein ganzes Stück in die Natur (hier fällt mir auf, wie sehr mir freie Grünflächen in den letzten Tagen gefehlt haben) und dann vorbei an zwei einzeln stehenden Restaurants mit riesigen Rasenflächen. Dann ist man auch schon da, an den zwei Kirchen von Torcello, Chiesa di Santa Fosca und Cattedrale di Santa Maria Assunta.

Vor der Tür picknicken wir erst eine Runde, dann füttern wir eine Möwe, die mit etwas müdem Flügel immer wieder in einer Pfütze trinkt. Die will essen, aber nicht gestreichelt werden. Da sie neben einem Steinthron sitzt, auf dem Attila, der Hunnenkönig, bei seinem Eroberungsfeldzug gesessen haben soll, nennen wir sie Attila. Attila, die Möwe – wer schreibt jetzt das passende Kinderbuch?

Beide Kirchen sind sehr alt. Erste Teile von 600, die Bauten in ihrer jetzigen Form von 1000 n.Chr. Wirklich besonders sind die Wände füllenden Goldmosaiken in der Cattedrale di Santa Maria Assunta. Auf der Rückwand wird in vier Ebenen die Auferstehung und das letzte Gericht gezeigt; im Altarraum ein Mosaik von Maria in riesiger Goldumgebung – übrigens zu dieser Zeit noch nicht aus Marien-Verehrung, sondern um zu zeigen, das Jesus auch ein echter Mensch geworden ist und folglich eine Mutter hatte; in der frühen Zeit gab es starke Lehrstreitigkeiten über die Natur Jesu. Da ich die Rückwand so bewegend fand, hab ich euch trotz Verbot ein Foto geschossen. Die Mosaiken sind aus einer sehr frühen, gänzlich anderen Zeit, ihre Ausdrucksformen geradezu noch antik. Nachdem wir ausführlich die beiden Kirchen angeguckt hatten – und ich ein kurzes Schläfchen gehalten, der Blog hat gestern fast bis 2 gedauert, sechs Stunden Schlaf sind dann bei so dichtem Programm doch wenig – haben wir die nähere Umgebung noch erkundet. Unter anderem haben wir zwei Hausbooten beim Anlegen zugeschaut. Die eine Familie hat es nach drei Anläufen dann doch geschafft. Den Armen waren die Zuschauer, glaube ich, eher unangenehm.

Der Tag neigt sich dem Ende und es geht nach Haus. Der Sonnenuntergang mindestens so magisch wie der Sonnenschein am Tag. In den sattesten Farben leuchtet der Himmel, immer dunkler und violetter werdend. Was für eine Zeit, um mit dem Vaporetto nach Venedig überzusetzten.

Heute hat zeitlich mal wieder alles so wunderbar gepasst! Und es sind wieder viele Bilder geworden, so schön war der Tag!

Zu Hause hab ich noch Fussili und Bolognese gekocht (nein, nicht aus dem Glas, sondern bis auf das Tomatenpüree selbst gemacht), nach dem Essen ein wenig geruht und jetzt mit dem Blog fertig, völlig erschöpft ins Bett…

Unsere Route:

 

Venedig – Tag 4: Touren in der Sonne
Venedig – Tag 6: Um viele Ecken gehen wir…

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